Montag, 12. April 2010

Hartmut, der Zweite, war zwei Jahre alt, als sein von allen vergötterter Bruder seinen letzten pfeifenden Atemzug tat. Der todkranke Junge holte ganz tief Luft, stieß diese mit einem unheimlichen, sehr kräftigen Rasseln elefantengleich aus den geweiteten Nasenflügelchen... („mein Gott! Was für feine Nasenflügelchen! Wie eine Libelle, so zart, so ...kunstvoll geschnitzt!“ hätte angeblich der obduzierende Pathologe voll ehrlicher Bewunderung gesagt)...und atmete dann nicht mehr.
Tante Lotti, Onkel Emil und auch der übriggebliebene kleine Hartmut, waren mehre Jahre nicht mehr ansprechbar. Der Verlust des Erstgeborenen, mit zahlreichen ungewöhnlichen und vielversprechenden Begabungen überreich gesegneten bildschönen Kindes, brachte tiefe Trauer und eine verzweifelte Lähmung über die einstmals lebensfrohe Familie. Die Männer haben sich oberflächlich erholt. Die Mutter niemals. Sie, die immer gesund war vorher, wurde von allerlei unbekannten heimtückischen Krankheiten des Körpers und der Seele ereilt. Nach einigen Jahren entwickelte sie verschiedene Krebssorten bösartigsten Kalibers, die sie nicht sofort dahin rafften, sondern erstmal noch weitere dreieinhalb Jahre schwersten Leidens bescherten. Die ganze Familie atmete auf, als ein Jahr nach Hartmuts Abitur(er hatte fast die Hälfte seines Zivildienstes hinter sich) die Nachricht von Tante Lottis Tod kam: endlich hatte sie es geschafft. Sie war eine geliebte Person für viele gewesen und hinterließ eine große Lücke. Onkel Emil und Hartmut erledigten den gesamten Haushalt in Lottis letzten Jahren, so fiel es, technisch gesehen, nicht so schwer, ohne die Frau und Mutter im Haus zu leben. Sie versuchten, tapfer und männlich, das Schicksal anzunehmen und sich gegenseitig Halt zu bieten. Emil sah nie wieder im Leben eine Frau an.
Hartmut studierte nach dem Zivildienst sein Neigungsfach Geologie. Er lernte eine junge Kollegin kennen, die seine Begeisterung für alte Gesteinsbrocken teilte, und sie nahmen einen Forschungsauftrag in Südafrika an, weil sie sonst keine Alternative hatten. Schweren Herzens verabschiedete sich Hartmut von seinem stark gealterten Vater (immer noch so dünn, so abgemagert, wie kurz nach dem Krieg), flog nach Südafrika und heiratete dort seine Kollegin Barbara. Viele Jahre später erfuhr ich, dass die Ehe nach einigen Jahren und vier Kindern in die Brüche ging, Hartmut einen Forschungsauftrag fünfzig Kilometer weiter, aber in einer völlig verschiedenen Landschaft annahm, und sich irgendwo im Busch einige Blockhäuser gebaut hat. Von da verliert sich seine Spur.

Sonntag, 11. April 2010

Lotti Sudstrom bekam überglücklich nach einer äusserst unangenehmen, langdauernden und schwierigen Geburt ihr erstes Kind. Benommen von der Anstrengung der vergangenen fünf Tage (so lange hatte es gedauert vom Fruchtblasensprung bis zur kompletten Entbindung) lag sie leichenblass da, als ihr die Ärzte erklärten, sie sei nicht normal, da sie volle fünf Tage benötigt hatten, das Kind aus ihr heraus zu kriegen. Lotti nahm sich zusammen und fragte nach dem Kind. „Der Vater sieht draussen soeben seinen Sohn!“ Sie brauchte einen Moment, um zu verstehen. Doch erneut richtete sie sich auf: „Ist es…?“ „Vollkommen gesund, voll ausgebildet, alles dran an dem jungen Mann!“ Triumphierend blickte eine burschikose, ihr unbekannte Krankenschwester auf Lotti herab, als sei es ihr persönlicher Verdienst, dass das Neugeborene so topfit war.
Während Lotti ausgepumpt in die Kissen zurückfiel und schlief, ehe sie mit dem Rücken die Bettwäsche berührte, wiegte Emil seinen neuen kleinen Sohn in den Armen. Er hatte wohl ein natürliches Gefühl für Säuglinge, denn niemand mußte dem Offizier zeigen, wie man ein Neugeborenes hält. Die Schwester betrachte die Szenerie einen Augenblick, wandte sich dann gerührt ab. Onkel Emil liebte es, wieder und wieder zu berichten, wie er seinen kleinen ersten Sohn Ulrich zum ersten Mal sah und in die Arme nahm. Emil war so durchdrungen von dem unglaublichen Glücksgefühl, ein Neugeborenes, seinen eigenen Sohn, bei sich zu haben, dass er hemmungslos weinte. Er machte den Kleinen naß mit seinen Tränen, doch der streckte nur zwischendurch mal die winzige Zunge raus, um die Flüssigkeit aufzufangen. Das fand der ohnehin ergriffene Emil derartig rührend, dass er laut weiter weinen mußte. So bestand die erste Mahlzeit im Leben des kleinen Ulrich aus den heißen, salzigen, mit unbändiger Liebe gewürzten Tränen eines überquellenden Herzens. Der zweite Sohn, mein Vetter Hartmut, wurde geboren, als Ulrich drei Jahre alt war. Dieses mal war die Entbindung entgegen allem, was der nervösen Lotti prophezeit wurde wirklich eine leichte Geburt.
Onkel Emil realisierte, dass er nun Vater zweier prächtiger junger Kerlchen war. Der Neue war ein bißchen runzlig und rot, und er hatte auch nicht so dichtes Haar, wie der ältere Ulrich. Emil nahm seiner Frau das Baby ab, bettete es ganz vorsichtig zwischen sie beide, und weinte vor Freude und Stolz. Sie betrachteten mehrere Stunden lang das neue Kind, prägten sich ein, wie es im Unterschied zu dem ersten aussah, denn sie wußten ja, wie schnell sich Neugeborene verändern.
Ulrich wurde nur fünf Jahre alt. Er war so unnormal hübsch, daß wildfremde Menschen näherkamen, um sich an seiner Schönheit zu erfreuen und sich von ihr erschüttern zu lassen. Zudem war Ulrich noch mit der Gabe der weit über dem Durchschnitt liegenden Intelligenz ausgestattet. In einer Bäckerei strich ihm eine fremde Dame, die sich fasziniert auf seine Höhe hinabbeugte, wie in Trance über das dichte, hellbraune Haar, das in sanften Wellen seine Schultern bedeckte.
„Mein Gott,“ murmelte sie, und schluckte, „…wie heißt du?“ Er schlug sittsam die Augen nieder, umrahmt von den längsten Wimpern mit dem perfektesten Schwung, zog dann leicht, raffiniert dosiert, die halbmondförmigen Augenbrauen hoch, holte den Blick aus träumerischer Ferne genau in den Fokus der ihn anstarrenden Dame :
„Gisela!“ flötete er mit einer Koketterie und mit einer seinem Alter unangemessenen Portion Erotik, daß alle Anwesenden merklich tief Luft holten. Manche angenehm, manche unangenehm in den abgründigsten Tiefen ihrer geheimsten Sehnsüchte berührt, vielleicht erinnert an unanständige, verbotene Gelüste. Tagelang noch waren sie aus der Bahn geworfen, unentschieden, hin- und hergerissen ob dieses erstaunliche, überirdisch schöne Kind nun ein reiner Engel, über alle Bosheit erhaben, unschuldig, wie jedes Kind, sei, oder direkt aus der Hölle geschickt, um Verführung und Verderben zu bringen in der Verkleidung eines Himmelsgeschöpfes. Nach dem ersten Schreck erholten sich die Erwachsenen erfahrungsgemäß ein wenig, und es setzte der Prozess der Schuld-Selbst-Zuweisung ein: wer so schmutzige Gedanken hat beim Anblick eines so reinen Kindes, sollte der sich vielmehr nicht selbst anklagen? Sich schuldig fühlen wegen seiner Verdorbenheit?
Ulrich wurde schwer krank. Die Ärzte konstatierten Lungenentzündung in fortgeschrittenem Stadium, und konnten nichts mehr für den Jungen tun.

Donnerstag, 8. April 2010

Ich wurde geboren als erstes Kind eines Waisenknaben und einer Zahnarzttochter.
Zur Hochzeit im April des Jahres 1955 versammelten sich zwei Familien ( oder, was nach dem Krieg noch davon übriggeblieben war) irgendwo in einem idyllischen sauerländer Fachwerk-Städtchen an einem mickrigen, aber reich mäandernden Flüsschen, welches sich nach vielen anstrengenden Kilometern durch schwermütige, dustere Landschaften erleichtert in den wichtigsten Strom des Kohlenpotts ergießt. In diesem unübersichtlichen menschlichen Ameisenhaufen befindet sich eine von zahlreichen Städten an den Ufern des Flusses. Dort wohnte die Familie Sudstrom. Frau Sudstrom, ältere Schwester meines zukünftigen Vaters, hat ihren Mann im Krieg in seiner Abwesenheit geheiratet; eine „Fernhochzeit“, man schickt unterschriebene Standesamtformulare, Fotos, und alles andere, was so an Nachweisen benötigt wird, hin und her, und wenn das alles mit Stempel versehen ist und jeder Menge anderer Unterschriften in mehrfacher Ausfertigung, erhält nach Wochen des Wartens eine schriftliche Bestätigung, dann weiß man, daß man verheiratet ist.
Lottis Emil kam eines Tages unangekündigt nach Hause, das heißt, Lotti war beim Bettwäsche aufhängen im hinteren Teil des Gartens. Tante Lotti erzählte, wie ihr zumute war, als sie im zugewachsenen Teil des Gebüschs diesen regungslos da stehenden Mann bemerkt, der sie anstarrte. Sie schrie erstmal, was sie konnte. Niemals zuvor im Leben hatte sie Grund gehabt zu schreien, und sie war erstaunt, wie anstrengend diese Tätigkeit ist, wenn man sich so richtig reinsteigert. Nach eineinhalb Minuten, die ihr alle Kraft geraubt hatten, und sie schwer atmend, nach Luft schnappend, völlig erledigt im Gras lag, trat der Mann aus dem schattigen Gebüsch. Sie schloß vorsichtshalber mal die Augen und faltete die Hände. Sie mußte zusammenzucken bei der federleichten, nicht unangenehmen Berührung, die sie auf ihren Handrücken registrierte. Sie ärgerte sich kurz ein bißchen darüber, daß es angenehm war, faßte sich wieder und gab sich Mühe, in ihrer Position zu verharren und stellte sich in etwa tot. Sie hoffte inständig, möglichst unauffällig zu wirken, und, um bloß nichts Einladendes an sich zu haben, war sie mit ihrer finstersten, abweisendsten, verächtlichsten Miene erstarrt. Noch so eine schmetterlingsgleiche Berührung. Wieder augenblickliches Zusammenzucken. Die Berührung war sanft. Lotti lag da, verspannt und kalt, wie ein toter Fisch. Ihre eine Hand spürte einen heißen, schweren Tropfen hinunterrinnen. Er verlor sich auf dem Gelenk. Dann kam noch ein solcher Tropfen, auf die andere Hand. Jemand hatte sich neben sie gekniet. Ihr Name wurde, leise, fragend, ruhig, sehr zärtlich, von tränenüberströmten Lippen, wie sie deutlich fühlen konnte, an ihr Ohr gehaucht. Manchmal gehen solche Kriegsehen nämlich auch gut. Da ging ihr ein Licht auf. „Endlich“, dachte sie. Sie lagen die ganze, aussergewöhnlich klare Nacht engumschlungen mit romantisierten Herzen im nachlässig geschnittenen Gras, zu glücklich, um sich über die Unmengen von Disteln zu ärgern, zu erschöpft von den letzten drei Jahren, um die ungewöhnlich zahlreichen, hell blitzenden Sternschnuppen, irgendwo in der Stratosphäre verglühend, zu bemerken.

Mittwoch, 7. April 2010

Meine zukünftigen Eltern heirateten im April. Für die drei Geschwister meiner zukünftigen Mutter brach eine Zeit der Versuche an. Gerd faßte den glühenden Entschluß, ins Kloster zu gehen. Erika versuchte sich optimistisch und voller Appetit als unabhängige Geschäftsfrau in der Großstadt. Inge war irgendwo schwanger im Süden von Frankfurt und versuchte, ohne Dienstboten in einem Reihenhaus zu überleben. Schneller, als für möglich gehalten, gewöhnte sie sich an den Ehemann. Es war ein nahtloser Übergang, vorher war sie gehorsam ihrem Vater gegenüber, am nächsten Tag dem Ehegemahl. Sie fand, es war eine schöne Zeit, und schätzte sich glücklich, dass sie immer jemanden hatte, dem sie gehorchen konnte.
Mein zukünftiger Vater. Er wurde am Rand des Kohlenpotts geboren, lange Jahre war ihm seine familiäre Herkunft unangenehm. Seine Eltern kenne ich nicht: er war ein Waisenkind ohne Mutter und Vater seit er zehn war. Sein ausgeprägtes Talent, lebendig und dramatisch zu erzählen baute er in diesen Jahren immer mehr aus,denn für einen Lehrer am Gymnasium ist es das Kapital schlechthin. Jeder ist lieber bei einem Lehrer, der packend erzählen kann. Je langweiliger der Stoff, desto wichtiger ist es, ihn in müde Oberstufenschüler, die am Abend zuvor zu lange unter Alkoholeinfluß diskutiert und mit wilden Weibern gefeiert haben, reinzukriegen. Zunächst war ich stolz darauf, daß mein Vater der einzige Lehrer weit und breit war, der diese psychologischen Raffinessen mit Riesenerfolg einsetzte. Das änderte sich schlagartig, als ich dreizehn Jahre alt war. Lustig war auch oft, wenn er Gags aus dem Schultag erzählte, deren Pointe für mich als Kind nicht immer sogleich als Witz erkennbar war. Das herzhafte Gelächter meines Vaters konnte allerdings ansteckend sein, und an der Art, wie er lachte, wie er dabei Atem holte, in welcher Tonlage, wie lange es andauerte, und seine Kopfhaltung, gaben mir Aufschluss darüber, warum er lachte. Ob es ein saukomischer Witz war, auf welchem intellektuellen Niveau sich der Scherz befand, ob es sich um eine übermütige Sprachspielerei handelte, oder ob es sich um die schwierigen ging, wo man erst einmal fünf, zehn Minuten überlegen muß, um schließlich schon alleine vor Erleichterung, kapiert zu haben, los zu geiern. Als ich in die Pubertät kam, fand ich seine Späße, von denen ich 98% in all den Jahren vorher zum Schreien komisch fand, und die ich als sein ältestes Kind und damit in seinen Augen also das verständigste Opfer, praktisch zweimal täglich mit tiefster Überzeugung erzählt und vorgespielt bekam, reichlich albern. Daß diese Lebensphase per se eine hochgradig alberne mit Tendenz zu Hysterie ist, kam mir nicht in den Sinn… so frühe Pubertät und so. Der Vorname meines Vaters war Karl. Einige Jahre später in Westafrika entwickelte er ein etwas kokettes Gehabe: er fing an, es wirklich zu lieben, wenn man ihn französisch „Charles“ nannte. Nicht „Tscharls“, englisch. Er hatte die weichere Version gern: „Schahrrrölll“, mit weichem Anfang, mit weichem Ende. Ich war zwölf, als ich das zum erstenmal hörte.

Dienstag, 6. April 2010

Für den feingliedrigen, etwas überkandidelten , fest im katholischen Glauben verwurzelte Zahnarzt, (er bestand bei jeder Mahlzeit auf weiße Tischwäsche mit allen drum und dran), bedeutete die seit zwei Monaten erwiesene Eheuntauglichkeit Inges weit mehr, als nur ein für alle weithin sichtbares Makel. Als studierter Mann, griechisch, latein, Theologie, alles neben Medizin/Zahnmedizin, begriff er sofort hinter seiner emotionalen, sozialen und katholischen Lähmung, daß von nun an nichts mehr so sein würde, wie früher. Er hatte keinen blassen Schimmer, wie er jemals wieder seinen Patienten unter die Augen treten sollte.
Wie macht man das noch..wie ist das noch gewesen mit der Meditation..wie haben Zehntausende von Mönchen über viele Jahrhunderte..Konzentration..auf eine Fliege, auf einen Punkt..Die der Falle und dem sicheren, klebrigen Tod eilig zustrebenden Insekten sind so… schamlos…oder ist es gar unschuldig… vielleicht ein bißchen wie Erika und ihr..so nach dem Motto, denn sie wissen nicht, was sie tu..nun, jetzt geht es aber zu weit!..also, was machen die Fliegen denn da!?..Erregt vor Zorn, mit wild fuchtelnden Armen, springt der Zahnarzt auf, alle sind erschrocken und verstummen mit einem Mal, wie sollen sie denn ahnen, dass seine gepeinigte Seele versucht, den letzten Rettungsanker zu ergreifen. Sie wundern sich zwar, was die Heftigkeit des Ausbruchs angeht. An seine divenhaften Launen sind sie aber gewöhnt. Es ist wie sonst. Nur ein bißchen mehr. Und nach fünf Minuten Atemanhalten geht das plappernde Geschwätz am Familientisch weiter. Das Leben geht weiter. So war es immer.
Alles braucht seine Zeit. Meine Tante Erika wurde in Ausübung ihrer Tätigkeit als freundliche Wurstverkäuferin immer besser. Lebhaft schilderte sie mir, wie nach zwei Monaten und etlichen Kilos mehr auf den Hüften, ihr die Vermieterin anbot, den Stand voll und ganz zu übernehmen. Das Leben und die Männer im insbesonderen hatten es nicht immer gut mit ihr gemeint. Natürlich war sie hocherfreut. Der eigene Wurststand, am Haupt-Bahnhof. Sie sah sich als Eigentümerin eines volkswirtschaftlich aufstrebenden Betriebes mit glänzenden Zukunftsaussichten. Sie sah sich in den Armen eines ehrlichen, fleißigen und einfachen Arbeiters : er, wie er sich morgens zur Schicht mit einem Kuss auf die Wangen von ihre verabschiedet, sie, wie sie lächelnd im Frühnebel ihr eigenes Wurstmobil aufschliesst. Allein die Vorstellung gab ihr eine Ahnung von dem Sicherheitsgefühl, von der Geborgenheit, die sich sich so ersehnte. Zu dem frühen Zeitpunkt hatten ihre weißen Finger bereits Grübchen, nur sahen sie damals noch herzig aus. Niemand dachte sich was dabei. Ein Jahr später war sie kaum wiederzuerkennen. Mein Onkel Gerd, der aus dem anderen Ei gekommen war, war mit seinen Gedanken noch bei der hübschen Kundin, der er am Morgen einen Lippenstift verkauft hatte.
Im Grunde seinens Herzens wußte niemand so gut, wie Gerd selbst, wie verloren er sich auf dem Posten des Augenbrauen- u. Lippenstifthändlers vorkam. Ein halbes Dutzend Jahre später wurde ihm im Nachhinein klar, warum er damals zum Scheitern verurteilt war. Es waren theologische Gründe. Je weiter er mit seiner Lehre kam, je näher die Drogistenprüfung ins Haus stand, desto unwohler fühlte sich Gerd in seiner Haut. Wie so manches andere Familienmitglied hatte auch er keinen ruhigen Schlaf. Besonders fasziniert sperrte ich die Ohren auf, wenn er mir von seinem immer wieder kehrenden Albtraum berichtete. Im Traum drehte er regelrecht durch: es ging immer wieder um überdimensional große Lockenwickler und Lippenstifte, die er einsam und allein in Schwerstarbeit über reißende Wasserfälle und durch glühende Wüsten zu transportieren versuchte.
Er erwachte morgens zwei Wochen vor seiner Drogistenprüfung als neuer Mensch. Was genau ihm der Himmel mitgeteilt hatte, blieb immer sein Geheimnis. Nur soviel: nach einer ausgiebigen Waschung mit kaltem Wasser und einem Gebet auf Knieen stelzte Gerd erfüllt mit der Ruhe des Herrn auf die andere Strassenseite, zur Drogerie Egel. Wenige Minuten später war es vorüber. Er hatte gekündigt, dem verwirrten Herrn Egel erklärt, von nun an werde er, Gerd, Gottes Werkzeug auf Erden sein, holte sein weniges Erspartes von der Bank, und während sein Vater mit seiner einen Schwester versuchte, einem strampelnden Sechsjährigen einen Abdruck seine schiefen Zähne abzunehmen, kam Gerd aus dem Musikinstrumentegeschäft heraus, unterm Arm ein großes Paket, länglich und breitlich, auf den Lippen ein zufriedenes Lächeln. Freudig zugenickt hat ihm dabei das Fräulein Rosenstengel, hochmusikalisch, und deswegen ein bißchen schusselig. Sie war soeben im Begriff die Tür des Geschäfts, wo sie ihre bestellten Noten abholen wollte, zu öffnen, als sie mit Gerd auf der Schwelle zusammenstiess. Mit dem Blick der langjährigen, alleinstehenden Expertin erfaßte sie, was er da für ein Schätzchen mit sich trug. Sie nannte ihm nach einer Sekunde die Marke der Gitarre, deren Handhabung und wie sie am effektivsten und akustisch schönsten zu stimmen sei. Gerd war enorm beeindruckt, dass sie einen Röntgenblick besaß, da das Instrument doch in eine Hülle aus Stoff, und noch in diverse Verpackungen gekleidet war. „SIE also auch,“ murmelte er demütig. Sie streifte die Verpackung leicht mit der Hand und entgegnete sanft, mit einem unmerklichen Nicken : „Ja.“ Die Sache mit dem Fräulein Rosenstengel wollte ich immer wieder und wieder hören, und bettelte Onkel Gerd an, sie mir noch einmal zu erzählen.

Montag, 5. April 2010

Genug von Tante Inge, Onkel Reinhold und meinem Vetter Hochst. Weiter mit den letzten Geschwistern meiner Mutter.
Die Zwillinge Erika und Gerd gerieten sehr niedlich. Die komplette Nachbarschaft bewunderte in dem überheizten Zimmer das wunderliche Phänomen der Geminität. Mitten im Winter, Zwillinge, geboren unter dem Sternzeichen des Steinbocks. Wirklich ausgesprochen süß, die beiden, und gar nicht so runzlig, wie man es sonst kennt. Wie zum Beweis der Theorie mit den zwei Eizellen stellte sich alsbald heraus, das die beiden schreienden Säuglinge verschiedener nicht sein könnten.
Über zwanzig Jahre später. Erika war nicht zufrieden mit dem was ihr bisher in ihrem ereignislosen Leben, wenn man den Zweiten Weltkrieg einmal außer acht läßt, widerfahren war. Sie ließ sich vorzeitig von einem verantwortungslosen, hübschen Angeber nach allen Regeln der Kunst verführen (er hatte wirkliche Glutaugen), schmolz dahin und war auf einen Schlag eheuntauglich geworden. Zumal ihr stürmischer Verehrer nach dem problematischen Ereignis, angereichert mit Weinen, Schreien, und romantischen Hauchern, die ihm einfach nur auf die Nerven gingen, noch während der schwierig zu bewerkstelligenden Entjungferung das Interesse an Erikas Hingabe verlor. Er wollte aber auf keinen Fall in ihrem Gedächtnis als halbherzig weiterleben, und so führte er mit verbissener Hartnäckig zu Ende, was er bei ihr angefangen hatte. Er tat sich sehr und ihr noch mehr weh. Fortan vermied er sorgfältig jeden Kontakt zu Erika. Deshalb nahm er, gewissermaßen dankbar für die Ablenkung, laut schnüffelnd die Feromonspur der neu hinzugezogenen Tanzlehrerin direkt gegenüber vom Haus meiner Großeltern auf. An warmen Sommerabenden konnte Erika vor ihrem geöffneten Fenster auf die Tanzschule blicken und die betäubend duftende Linde riechen. Heimlich züchtete sie Raben in ihrem Herzen, entwickelte – wupp!wupp!- Neid auf meine Mutter, die Fleißige, die genau wußte, wie der Hase läuft im Leben. Der erzkonservative Zahnarzt Dr. Dr. A.L. Wasser-Kampf war ausser sich. Die Patienten mit den dicken Backen konnten von Glück sagen, dass er sich hervorragend im Griff hatte, mit so hochnotpeinlichen Vorfällen innerhalb der eigenen Familie.
Die arme Erika wurde in ein abgelegenes Zimmer der Hauses zitiert. Konkrete Worte verstand man nicht, doch Laute der Wut, des Ärgers, des Bedauerns, des Schmerzes, der Vorwürfe, der Klagen, und auch der unendlichen Furcht, waren noch durch die solide gebauten Decken im darunter gelegenen Stockwerk zu vernehmen. Dann unheilschweres Schweigen. Siebeneinhalb Stunden durchlitt das ganze große Haus, im verwinkelten Keller genauso, wie im zugestellten Dachboden, quälende Bedrückung. Die Atmosphäre war für ein junges polnisches Hausmädchen nicht zu ertragen. Nach fünf Stunden am Rande zur Hysterie klappte sie zusammen und hyperventilierte. Es wurde in aller Eile ein Arzt gerufen, und wie sie abtransportiert wurde, festgeschnallt auf eine schmale Bahre, bekam weder der unglückliche Zahnarzt mit, noch seine verzweifelte, sich mit Selbstmordgedanken herumtragende eineiige Zwillingstochter. Wenige Tage darauf schleppte Erika Gepäck nach unten, während meine zukünftige Mutter die Treppe putzte. Flüchtige, verlegene Verabschiedung, - weg war sie. Durch Briefe erfuhr die staunende Familie, dass sie sich als Wurstverkäuferin in einem Stand vor dem Dortmunder Hauptbahnhof ihren Lebensunterhalt selbst verdiente. Während die Familie sich beim Abendessen lebhaft über Erikas neugefundenes Interesse am Leben ausließ, die tollsten Mutmaßungen über ihre mögliche Karriere in den buntesten Farben phantastisch ausmalte, (meine Oma, die zahnärztliche Ehegattin, liebte Zirkus und das tägliche Studium der Bildzeitung noch heißer, als Schnapspralinen) fixierte Dr.Dr. A.L.Wasser-Kampf eine unter vielen vernehmlich laut surrenden Fliegen, wie sie einerseits in betrunkenem Schwirrflug, andererseits aber mit absoluter Zielsichheit den tückisch honigfarbenen klebrigen Streifen der Fliegenfalle anpeilte. Unter dem schweren, vielarmigen Leuchter unter der Speisezimmerdecke war vor einigen Tagen solch ein hinterhältiges Objekt befestigt worden, man hatte eine Leiter dafür holen müssen. Vermutlich bestand ein Zusammenhang zwischen den täglich zahlreicher und lästiger werdenden Fliegen und dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Aber das ist nur meine persönliche Theorie.

Samstag, 3. April 2010

Zurück zu „Hochst“.„Männer um die Zwanzig müssen lernen, wie man unser deutsches Land verteidigt gegen „böse rote Russen und andere rote Kommunisten“, wie mein Opa sie in seiner Umnachtung zu nennen pflegte. Sein Land verteidigt man am besten mit kurzgeschnittenen Haaren. In einer Uniform. Mit schönen, glänzenden Stiefeln. Wie Tante Inge berichtete, wollte Horst das schon mit vier Jahren, als er noch auf dem Spielplatz vor dem Reihenhaus mit fest zusammengepreßten Augen und Hinterbacken von seiner kleinen Mutti abtransportiert wurde, abwechselnd überlegend, wie man die zwei wichtigsten Künste unter einen Hut bringt, die Kunst der Hygiene, und, besonders atemberaubender Gedanke, wie lerne ich, niemals danebenzuschießen. Horst war selten in seinem Leben so aufgeregt gewesen, als er mit bebender Lunge nach bangen Monaten des Wartens den ersehnten Einberufungsbefehl zur Bundeswehr vorfand.
Vorsichtig trug er den länglichen Umschlag in beiden Händen hoch in den dritten Stock. Er holte tief Luft, riß entschlossen die Wohnungtür auf, stolzierte in das Gute Zimmer. Lässig nahm er auf dem Sessel seines Vaters Platz. Sogar breitbeinig. Wie ein Soldat. Inge ließ den Putzlappen sinken, begriff die Tragweite der Situation, schritt zum Klappstuhl hinter der Schrankwand, entfaltete ihn, machte es sich so bequem, wie möglich, und betrachtete die schneeweißen, gestärkten Gardinen vor dem Fenster. Befriedigt stellte sie fest, „…sie sehen ja wirklich aus, wie Luft..“ Es lag eine Spannung in der Luft.
„Hohl ä Priew Öwnä!“ (= Hol einen Brieföffner). Sie stand auf, noch bevor er zu Ende gesprochen hatte. Es war die Aufforderung zur Musterung. Nicht jeder kann einfach so in die Bundeswehr eintreten. Man braucht bestimmte Voraussetzungen. Man muß fähig sein. Man braucht ein gewisses Talent. Horst verdoppelte seine Vorstellungskraft: er würde es schaffen. Er würde niemals danebenschießen.
Leider kam es nie so weit. Nun, er war in der Musterung immerhin so gut, daß sie ihm versicherten, er würde einen, seinen ganz persönlichen Einberufungsbefehl bald erhalten. Horst verbrachte zusammen mit seinen Eltern eine Zeit glücklicher Erwartung. Man war nett, rücksichtsvoll und großherzig zueinander, und wartete geduldig auf den Befehl. Er würde kommen. Dann war es soweit. Horst wurde tränen- und segensreich (mit zahlreicher Wegzehrung, die seine Mutter versonnen lächelnd sorgfältig zubereitete hatte) für die Reise in die Lebenstüchtigkeit entlassen.
Zwei Tage später. Im Reihenhaus klingelte es Sturm. Verstört öffnete sein Vater die Wohnungstür, schaute schnell links und rechts, schloß die Tür und drehte vorsichtshalber noch den Schlüssel rum. In der Küche sassen sie dann alle drei für die nächsten Stunden. Schweigend. Mit langen Gesichtern vor sich hinstarrend am Tisch.
Möglicherweise war Horst war ein bißchen zu eifrig gewesen. Sie feuerten ihn nach kurzer Beratung am Morgen des zweiten Tages mit der fadenscheinigen Begründung, dass Männer, die den sehnlichen Herzenswunsch hegen, niemals daneben zu schießen, in der Bundeswehr nicht wirklich erwünscht sind. Ob Horst statt dessen als Zivildienstleistender, in einem Altersheim oder so,..mehr für seine charakterliche Entwicklung…oder so was in der Richtung. Es dauerte zweieinhalb Jahre, bis die Familie dieses Ereignis einigermaßen verdrängen konnte und langsam eine oberflächliche Ruhe über die Wohnung im dritten Stock sank. Die Aufgewühltheit der verzagten Herzen blieb so lebendig wie der Vulkan Merapi auf Java. Sie hat sich nie wieder gelegt.